Die Bücherregale von Krümel

1.1.2010

Sebald, W. G. - Austerlitz

Abgelegt unter: Hanser, S, Roman, gelesen — Krümel @ 12:58

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1 Kommentar »

  1. Ein literarisches Gesamtkonstrukt aus feinstem Stahl, welches brillant und überbewältigend daherkommt, mir aber zu kalt ist!

    Der scheinbar autobiographische Ich-Erzähler trifft im dunklen Bahnhof von Antwerpen Jacques Austerlitz, den er daraufhin immer wieder ganz zufällig in dieser Schilderung begegnet. Ein Unwohlsein begleitet den Erzähler nun fortwährend …
    Austerlitz wird kurz vor Ausbruch des II. Weltkriegs mit fünf Jahren von Böhmen nach England „verfrachtet“ und findet bei einem calvinistischen Paar Zuflucht. Diese Geschichte, seine Lebensgeschichte, berichtet Austerlitz dem Erzähler, der erst in den 90 er Jahren seine Wurzeln sucht. Der Protagonist schildert seine Erinnerungen. Und diese literarische Erinnerungsreise, die der Autor teilweise mit Überblendungen deutlich macht, wenn sich ein Wartesaal ins Nocturama verwandelt, verwirrt den Leser im ersten Abschnitt heftig. Der Übergang wird höchstwahrscheinlich erstaunen, aber diese Technik gibt genau das wieder was unsere Erinnerungen aus der Wirklichkeit machen: Verknüpfungen und Überlagerungen. Die zeitliche Entfernung verzerrt den Blick.

    Und verzerrt wird hier der Blick auch dadurch, dass zwar der Erzähler die Geschichte vorträgt, berichtet wird aber über Austerlitz, und der wiederum schildert die anderen handelnden Figuren. Dadurch erhält das ganze Werk etwas Unwirkliches, Unechtes, Verschwommenes, etwas Graues …

    Mit diesen architektonischen Beschreibungen von Bahnhöfen und sonstigen Bauwerken konnte ich nicht viel anfangen, da ich mir Gegenstände nie visuell vorstellen kann. Aber nach weiteren Seiten erkennt man, dass man dies auch nicht braucht, sondern dass diese Bauten einfach einen Kern des Gesamtkonstrukts ausmachen. Zum Schluss schließt sich gar der Kreis wieder im Nocturama.

    Die Sprache ist zu Beginn gewöhnungsbedürftig, gehört aber zum Gesamtkonzept, sie wechselt vom sachlichen Bericht ins ganz Bildhafte, Poetische, je nach dem was gerade beschrieben wird, und zieht damit Leser in ihren Bann oder lässt ihn auch rücksichtslos und eiskalt liegen.

    Anspielungen oder Bildübertragungen findet man fast auf jeder Seite. Zum Beispiel lässt Sebald in jener Zeit die Fenster verschlossen: „Die Fenster des Krankenzimmer blieben ständig verschlossen, und der weiße Puder, der sich Gran für Gran überall ablagert hatte und durch den sich schon richtige Wegspuren zogen, hatte nichts von glitzerndem Schnee.“ Man möchte die zeitliche Situation vertuschen, aber so unschuldig wie Schnee war dann der Puder wohl doch nicht. „What was it that so darkened our world?” Hitler? Auf jedem Fall ist das der letzte Aufschrei einer hilflosen Frau, und zugleich auch das Leitmotiv.

    Ein weiteres zentrales Motiv ist das Gefühl der Heimatlosigkeit, oder gar das Gefühl des überhaupt nicht recht Vorhandenseins, Austerlitz ist ein ziellos Gehetzter ohne wirkliches Eigenleben. Das daraus resultiert, dass er seine Geschichte nicht kennt, und auch nicht gewillt ist sie kennen zu lernen. Insekten vor einer Lampe: “Es sei an solchen unwirklichen Erscheinungen, …, am Aufblitzen des Irrealen in der realen Welt …”

    Dies Werk ist ein literarisches Gesamtkonstrukt, ein Meisterwerk? So wie Sebald alles zusammengefügt hat, aus Fiktivem und Realem, aus anscheinend Autobiographischem, aus vielen Quellen und mit Fotos bestückt, die er zeitlebens zusammengesucht hat, ist es mir über manche Strecken zu viel und zu überladen gewesen. Zu viel gewollte Kunst! Das Werk wird von Seite zu Seite immer mehr ein Kunstwerk, dass es einem fast unheimlich wird. Ein Konstrukt aus kaltem Stahl ohne Leben! Mir fehlte das Persönliche, das Natürliche, das Erzählen des Erzählen Willens.

    Kommentar von Krümel — 23.4.2010 @ 21:26

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